Das Zeitgeschehen 2022 wird von einem zentralen Ereignis überschattet -- dem Krieg in der Ukraine. Während unseres Seminars vom Januar bis zum April 2022 machten wir die Erfahrung, dass sich durch die Invasion Russlands in der Ukraine am 24. Februar 2022 unser Blick auf die Gegenwart, aber auch auf die jüngste Geschichte radikal verändert.
Zu Beginn unseres Kurses war der Konflikt zwischen Russland, der Ukraine und dem Westen einer von vielen Krisen der Gegenwart -- neben der Klimakatastrophe und der Corona-Pandemie. Mit dem russischen Angriff veränderten sich plötzlich schlagartig die Perspektiven. Vorher erschien ein Krieg nur als ein Szenario, ein drohendes, ein beunruhigendes, aber es blieb ein Szenario. Schlagartig und schmerzhaft erschien die Differenz zwischen der Abstraktheit eines Angriffsszenarios und der Realität des Krieges.
Währenddessen nahm die deutsche Außenpolitik eine möglicherweise historische Wende, die zumindest vom heutigen Standpunkt aus als Paradigmenwechsel erscheint. Letztlich war das Verhältnis Deutschlands seit der Ostpolitik Willy Brandts von einer Besonderheit geprägt: Der Zweite Weltkrieg und die sowjetischen Opfer ermahnten die deutsche Außenpolitik dazu, dass Deutschland auf ein ausgleichendes Verhältnis zu Russland achten müsste. Diese Leitlinie war auch noch in der Politik Helmut Kohls gegenüber Gorbatschow trotz und wegen des nationalen Interesse der Wiedervereinigung bestimmend. Aber auch in der Außenpolitik Gerhard Schröder war überdeutlich das besondere Verhältnis zu Russland zu erkennen, da er während seiner Regierungszeit und danach ein heute unerträglich nahes Verhältnis zu Putin entwickelte. Und noch in Angela Merkes Krisenmanagement der Ukrainekrise nach der Krim-Annexion lässt sich dieses ausgleichende Moment verfolgen, so dass neben engen wirtschaftlichen Verflechtungen, insbesondere energiepolitischen Abhängigkeiten, stets die Maxime stand, den Dialog mit Russland niemals aufzugeben. Eine solche an der Vergangenheit und am russischen Gasexport orientierte Politik erfuhr eine radikale Wende mit den deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine und dem Beschluss, die Bundeswehr mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro wieder zu befähigen, die Landesverteidigung gewährleisten zu können.
Durch den Schock und die mediale Präsenz des Krieges hatten wir vorübergehend den Eindruck, dass der Krieg alle anderen Themen dominiert; zumindest in dem Sinne, dass es einiger Anstrengungen bedurfte, das Geschehen in der Ukraine auszublenden und sich anderen Themen der Gegenwart zuzuwenden.
Diese anderen Themen kommen hier zur Sprache. Es sind Berichte von Kulturveranstaltungen, die in bei Besuchen des Goethe-Instituts Lyon entstanden sind. Gerade der gegenwärtige Krieg und die Pandemie lässt die Konzerte, Filme, Lesungen und Theaterstücke als etwas nicht Selbstverständliches erscheinen, sondern als etwas das uns einen Raum von Erfahrungen und für Reflexionen öffnet. Das Blog versucht diesen nachzugehen.
Jochen Thermann
Kommentare
Kommentar veröffentlichen