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ÜBEREINANDER STATT MITEINANDER?


Drei Menschen aus unterschiedlichen Milieus ranken sich umeinander. Ashley, eine achtzehnjährige Französin, wird von Cordula, einer deutschen Philosophielehrerin an der Universität Ylon 2, per Anhalter mitgenommen. Ashley will nach Ylon in der Hoffnung, ihr eigenes Tätowierungstudio zu eröffnen. Bis sie das dafür nötige Geld findet, wohnt sie bei einem Mann, Nadim, der sich als Cordulas Feind erweist. Das Theaterstück erforscht ihre Interaktionen und Beziehungen zueinander…

Ein Gespräch nach dem Besuch des Stückes

Camille: Hast du die Lehre überhaupt verstanden? Ich wurde eigentlich in meinen Erwartungen enttäuscht...

Camille: Das Ende kam mir ein bisschen künstlich vor, da es keine wirkliche Lösung der Handlung     gibt. Jede Figur bleibt bei ihrem Standpunkt und ich habe keine Entwicklung beobachten können. Vielleicht verändert sich die Perspektive des Zuschauers im Laufe des Stücks? Es hat mich jedenfalls irritiert.

Camille: Ich bin ziemlich einverstanden im Bezug auf das Ende. Schade, dass man keine Entwicklung der Figuren feststellt. Was hältst du von dem merkwürdigen Lied am Ende, in dem die Schauspieler das Miteinander und die Menschenliebe mit lächelnden Gesichtern lobten? Ich fand es interessant, obwohl es nicht deutlich ist, ob die Schauspieler aus ihrer Rolle herausgetreten sind. Sie scheinen sich dem Zuschauer zuzuwenden und…

Camille: War das wirklich über das „Miteinander“? Ich habe den Eindruck, das Übereinander wird im Laufe des Stückes behandelt und das Miteinander wird erst am Ende, oder sogar nach dem Stück eingeführt, nämlich in dem Lied.

Camille: Ja, das stimmt. Wir hatten immer die extremistische Feministin, die Männer hasst (Coco); den radikalen zum Islam konvertierten Mann, der homophob war (Nadim), und das Mädchen aus dem benachteiligten Vorort, das Kleinbürger verachtet (Ashley), und jeder glaubte, er sei besser als die anderen.

Camille: Meiner Meinung nach machen die Figuren keine Entwicklung durch, sondern entlarven sich allmählich. Nur die Art und Weise, wie der Zuschauer sie sieht, ändert sich. Zum Beispiel, als man erfährt, dass Nadim Coco hasst, weil sie lesbisch ist, oder als Coco Ashley herablassend betrachtet, weil sie Tätowiererin werden will.

Camille: Und dann wird die Lage oder ihre Beziehung zueinander immer schlechter: sie wird fast zur Hölle.

Camille: Sie verhalten sich sehr heuchlerisch zueinander. Denk mal an den Anfang, als Coco sich mit Ashley in ihrem Auto unterhält. Es ist das erste Mal, dass sie sich treffen, weil Ashley per Anhalter fährt. Coco tut, als würde sie durch und durch gutmütig und uneigennützig sein, und spricht sogar von Schwesterlichkeit. Aber je mehr das Stück fortschreitet, desto abscheulicher wird sie…

Camille: Ja! Wie alle eigentlich. Am Anfang hatte ich die Figur Ashley sehr gern, aber eben sie wird danach unfreundlich. Sie wird von Nadim als Schmarotzerin beschrieben, sie hat ihre Mutter und ihre kleinen Geschwister rücksichtslos verlassen... Und ich dachte sie sei die Hauptfigur!

Camille: Ist sie es nicht?

Camille: Jetzt weiß ich es nicht mehr. Haben wir drei Hauptfiguren oder nur eine, die Französin Ashley?

Camille: Ja, sie ist die einzige Französin unter den beiden Deutschen. Übrigens wird die Sprache zur Spannung.

Camille: Stimmt! Ashley wird von den Deutschen wegen ihres „schlechten“ Deutsch angeschrien.

Camille: Obwohl sie es relativ gut kann… Diese Fremdenfeindlichkeit veranschaulicht das „Übereinander statt miteinander“ Als würden die Deutschen ihre Sprache und Kultur höher als das Französische ansehen…. Aber warte mal… Der Titel lautet andersherum!

Camille: Hm… Aber ich glaube nicht, dass es wirklich um Deutschland geht. Und übrigens spielt die Geschichte in Frankreich: in „Ylon“…  Ich glaube, dieses Verhalten zeigt eher die allgemeine Intoleranz der Figuren.

Camille: Ich bin davon überzeugt, dass diese intoleranten Figuren für die Menschheit im Allgemeinen stehen. Eben das könnte die Lehre des Stückes sein. Menschen seien zu eigennützig und engstirnig.

Camille: Na, vielleicht. Aber es geht im Stück trotzdem viel um Kulturmischung. Die Figuren müssen zumindest ein wenig offen sein.  Wie findest du, dass das Stück sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch gespielt wird?

Camille: Ich war darüber erstaunt und das fand ich sehr spannend.

Camille: Ich fand es auch sehr spannend! Ich liebe es, wenn Sprachen miteinander gemischt werden. Ein Satz wird auf Französisch begonnen und auf Deutsch beendet. Das ist intellektuell sehr anregend! Und das Publikum konnte das Stück offensichtlich mühelos nachvollziehen...

Camille: Etwas stört mich doch… Die Mehrheit der Figuren kommt aus Deutschland, die Handlung spielt in Frankreich und meistens reden die Figuren französisch miteinander. Das finde ich ein bisschen verwirrend. Ich würde eher sagen, das Theaterstück wurde auf Französisch gedacht, doch mit nur einigen Stellen auf Deutsch.

Camille: Oh… Das hatte ich gar nicht so gesehen. Es kann sein, vielleicht. Und was hast du über das Bühnenbild gedacht? Es war ganz einfach und bestand nur aus drei Stühlen, die die Schauspieler benutzten und verrückten. Und zwei verschiedenen Kulissen – weißt du noch –, der Vorhang links der Bühne und die Treppe hinter dem Publikum?

Camille: Ja, die minimalistische Ausstattung ermöglichte eine Art Nähe zwischen den Schauspielern und den Zuschauern…

Camille: Stimmt! Und da wir in der ersten Reihe saßen, standen die Schauspieler oft nur einen Meter von uns entfernt.

Camille: Jetzt möchte ich aber auf die Struktur zurückkommen. Hat es dich nicht gestört, dass die Geschichte sich nicht chronologisch abspielte? Mich haben die Rückblenden verwirrt… Einmal wird ein Teil der Kindheit einer der Figuren erzählt, einmal wird ein Ereignis erwähnt, das zwei Monate vorher geschah und danach eins, das zwei Wochen vorher passierte, und später ist wieder die Rede von der Kindheit…  Sie sollten die Beziehungen zwischen den Figuren klarstellen, doch sie haben alles unklarer gemacht, oder?

Camille: Für mich war die Struktur selbst irgendwie seltsam. Die Handlung brauchte lange, um in Gang zu kommen, und endete sehr abrupt mit der Bilanz, die Ashley in weniger als drei Minuten zog. Ich fragte mich sogar, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn das Stück länger als eine Stunde gedauert hätte...

Camille: Es ist schade, denn ich hatte das Gefühl, dass hier Potential vorhanden ist! Die Idee war interessant, aber ich hätte gern mehr davon gesehen.

BOUREAU Camille & Camille VOLLE,

März 2022

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