« Passeurs d’Europe » war ein Spektakel, in dem Gedichte aus verschiedenen europäischen Ländern in verschiedenen Sprachen gelesen wurden. Das Goethe-Institut war einer der Veranstalter.
Von Anfang an nahm man an dem Spektakel teil: die verkleideten SchauspielerInnen begrüßten uns am Eingang und während wir auf den Anfang warteten, kamen manche SchauspielerInnen zu uns. Die eine sagte Sätze über die Vergänglichkeit auf, die andere fragte uns, ob wir sie anstarren wollten, bis der Sand in einer Sanduhr zu Ende gerieselt ist.
Die Inszenierung war besonders originell. Ein Gedicht wurde so aufgesagt: sechs Frauen saßen auf zwei Schaukeln und deklamierten die Verse in sechs unterschiedlichen Sprachen. Ein Pianist spielte ab und zu Musik.
Auch wenn man nicht alles verstehen konnte, war es sehr schön. Wir ließen uns von der Musik der Sprachen wiegen. Übrigens war es extrem rührend, als eine Ukrainerin und ein Russe ein Gedicht zusammen vorgetragen haben. Sie überbrachten uns eine friedliche Botschaft und die Kunst schien, ein Mittel zu sein, um den Schmerz des Krieges zu sublimieren.
Es war auch sehr erstaunlich, wie schnell sie diese Vorstellung vorbereitet haben: sie haben nur 22 Stunden dafür gebraucht! Man spürte überhaupt nicht, dass es so wenig Zeit verlangte. Die SchauspielerInnen, obwohl sie AmateurInnen waren, haben sich völlig mit ihrer Rolle identifiziert und haben sehr gut gespielt.
Das war eine sehr schöne interkulturelle Zusammenarbeit, die die universale Schönheit der Dichtung lobte. Ich gratuliere den ÜbersetzerInnen der Gedichte, die etwas sehr Schwieriges übersetzt haben: der Rhythmus, die Wortspiele und die Neologismen, die die Dichtung kennzeichnen.
Dank dieses Spektakels habe ich einen österreichischen Dichter entdeckt: Ernst Jandl, der 1925 geboren ist und 2000 gestorben ist. Er ist Teil der Bewegung der „konkreten Poesie“, die die Syntax und den Rhythmus überhaupt nicht berücksichtigt. Die Sprache wird selbst zum Zweck und Gegenstand des Gedichts. Hier wurde „Sommerlied“ aufgesagt: das lyrische Ich spielt in diesem Gedicht mit dem Wort „Wiese“ und gebraucht eine Alliteration in „w“ („Wir sind die Menschen auf den Wiesen/Bald sind wir die Menschen unter den Wiesen/Und werden wiesen, und werden Wald/Das wird ein heiterer Landaufenthalt“).
Maylis Bonetti
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